10.07.2015

Erzieher werden? Und das an einer Bundeswehrfachschule?

Seit dem Sommer 2002 absolvieren ehemalige Zeitsoldaten ihre Erzieherausbildung an der Bundeswehrfachschule Hamburg. Das, was sich auf den ersten Blick für manche vielleicht als ein  krasser Gegensatz darstellt, hat sich in den zwölf Jahren, in denen ca. 350 Zeitsoldaten ihren Abschluss zum staatlich anerkannten Erzieher erworben haben, als ein Erfolgsmodell erwiesen. Zeit also, eine Bilanz zu ziehen.


Vorab erwähnt sei Folgendes:
An den zehn Bundeswehrfachschulen in Deutschland können ausscheidende Zeitsoldaten auf der Grundlage des Sodatenversorgungsgesetzes folgende Abschlüsse erwerben:

-    Fachhochschulreife Wirtschaft, Technik und Sozialpädagogik
-    Mittlerer Reife
-    Staatlich anerkannter Erzieher/-in

Die Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher wird bundesweit von den Bundeswehrfachschulen in Berlin, Köln und Hamburg angeboten. Sie unterscheidet sich bezüglich des zeitlichen Umfangs, der Ausbildung, der Eingangsvoraussetzungen und der zu erbringenden Prüfungsleistungen in keinster Weise von den öffentlichen  Schulen, d.h. auch die Bundeswehrfachschulen müssen sich an den Ausbildungs-und Prüfungsordnungen bzw. an den Bildungsplänen der jeweiligen Bundesländer orientieren.

 Gleich und doch anders
Trotzdem werden wir oft gefragt, was denn das Besondere an der Erzieherausbildung an einer Bundeswehrfachschule ist. Da ist zunächst die überwiegend männliche Klientel, welche durchschnittlich ca. 34 Jahre alt ist, 1-2 Kinder hat, in Partnerschaft lebt, in der Regel über eine Ausbildung im gewerblich-technischen Bereich verfügt, bei der Bundeswehr selbst als Ausbilder tätig war und Lebenserfahrung hat. Während ihrer Tätigkeit bei der Bundeswehr haben unsere Schüler z.B. als Ausbilder bzw. Zugführer gelernt, Strukturen zu setzen und durchzusetzen. Dabei haben sie erlebt, dass das Führungsprinzip „law und order“ zwar dazu dient, Strukturen zu setzen, aber auch die Erfahrung gemacht, dass für die pädagogische Arbeit, die ja Beziehungsarbeit ist, Einfühlungsvermögen, Wertschätzung und Echtheit viel wichtiger sind, um mit jungen Menschen zu arbeiten. Katja Peters (2010) hat in ihrer Untersuchung zum Thema: „Motivation (ehemaliger) Zeitsoldaten für den Beruf des staatlich anerkannten Erziehers“ u.a. festgestellt, dass gerade die Kombination aus den beiden Erfahrungsquellen die Motivationsquelle für unsere Schüler ist, um den Erzieherberuf zu ergreifen.
Die Motivation ist aber nur ein erster Schritt auf dem Weg zum Pädagogen.

Notwenige Professionalisierungsprozesse
Der Regisseur Arne Birkenstock hat in seinem viel beachteten Dokumentarfilm „Die Sandkastenkrieger“ den Weg vom Soldaten zum Erzieher als eine „Metamorphose“ charakterisiert, also einen Prozess der Veränderung, den man auch als Professionalisierungsprozess bezeichnen kann. Lassen Sie mich das an einigen Punkten verdeutlichen:

  1. Wenn man sich die Lehrpläne, das Anforderungsprofil und die Bildungspläne für die Erzieherausbildung anschaut, dann wird schnell deutlich, was für eine verantwortungsvolle Rolle der Erzieher hat als jemand, der schon in früher Kindheit derjenige ist, der durch sein pädagogisches Handeln entscheidenden Einfluss auf die kindliche Entwicklung.
  2. Eine solche Praxis erfordert einen Erzieher, der in seiner Ausbildung nicht nur Wissen erworben hat, sondern er muss auch die Fähigkeit aufweisen, diese umfangreichen Wissensbestände in der täglichen pädagogischen Arbeit mit dem Kind bzw. Jugendlichen anzuwenden. Dabei begegnet er dem Kind/Jugendlichen nicht in einer „künstlichen therapeutischen Situation“, sondern er begegnet seiner Klientel in deren Lebenswelt. Seine Aufgabe ist es, die Kinder und Jugendlichen in dieser Lebenswelt, d.h. im Alltag zu begleiten. Thiersch nennt diesen Ansatz den lebensweltorientierten Ansatz.
  3. Nun nützt es wenig, wenn der Erzieher zwar über vielfältiges Fachwissen und über die Kompetenz verfügt, dieses anzuwenden, wenn seine Grundhaltung zu der ihm anvertrauten Klientel negativ und defizitär geprägt ist. In einer pluralistischen Gesellschaft ist eine pädagogische Grundhaltung gefordert, die darauf abzielt, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an allen sie betreffenden Entscheidungen zu beteiligen (Partizipation) und ihnen damit die demokratischen Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.
  4. Will der zukünftige Erzieher nach den o.g. Kriterien handeln, dann ist es erforderlich, dass er in der Ausbildung die Kompetenz erwirbt, sein pädagogisches Tun kontinuierlich kritisch zu reflektieren, um zu erkennen, dass die Beziehung zu seiner Klientel eine wechselseitige ist. Diese gegenseitige Beeinflussung bedarf der ständigen Reflexion.

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Unser Ziel an der Bundeswehrfachschule ist es, dass unsere Schüler in der Ausbildung die für ihre spätere Berufspraxis notwendigen Handlungskompetenzen erwerben. Wenn uns das gelingt, haben die Schüler genau das Profil erworben, welches sich die Einrichtungen für die pädagogische Arbeit wünschen.

enter site Große Akzeptanz im professionellen Feld
Unsere mittlerweile über 12-jährige Erfahrung hat gezeigt, dass die Praxiseinrichtungen eine offene Grundhaltung bei den ehemaligen Zeitsoldaten und jetzigen angehenden Erziehern feststellen. Daher haben sie keine Vorbehalte, sie als Praktikanten bzw. als Mitarbeiter einzustellen. Dennoch soll nicht unerwähnt bleiben, dass gelegentlich Praxisstellen unsere Schüler, weil sie als Zeitsoldaten bei der Bundeswehr gedient haben, ablehnen.

Fast 100%ige Vermittlungsquote
Der „Spiegel“ schreibt in seiner Ausgabe 36/2013, dass der männliche Erzieher die meistgesuchte Fachkraft der Republik sei, was auch unseren Erfahrungen entspricht. Wir haben festegestellt, dass nahezu jede Einrichtung unter dem Fachkräftemangel leidet und dringend zusätzliche Fachkräfte benötigt werden. Wir können ohne Übertreibung sagen, dass wir eine nahezu 100%ige Vermittlungsquote unserer Schüler haben und ein Großteil unserer Schüler schon vor dem Ende ihrer Ausbildung eine Arbeitstelle findet.
Wirft man z.B. einen Blick auf die Abschlussstatistik des Ausbildungsganges, der am 11.06.2015 geendet hat, dann ergibt sich für die 28 Absolventen folgendes Bild:
- stationäre Jugendhilfe: 16
- Kinder-und Jugendpsychiatrie: 1
- ambulante Betreuung: 5
- Kita: 4
- unbekannt: 2

Dabei fällt, im Gegensatz zu den vorhergehenden Jahren auf, dass vier Schüler bewusst eine Kita als Arbeitsbereich gewählt haben.

source link Zusammenarbeit mit MEHR Männer in Kitas
Abschließend noch ein Wort zur Kooperation mit dem Projekt “Mehr Männer in Kitas“.Wir hatten vielfach Gelegenheit mit unseren Schülern an Workshops, Fachtagungen, Netzwerktreffen sowie an einer tollen Abschlussveranstaltung in Berlin teilzunehmen.
Die Projektmitarbeiter haben bei uns an der Schule über das Projekt berichtet bzw. waren als Referenten bei uns an der Schule tätig. Ob sich daraus ein gesteigertes Interesse an der Arbeit in der Kita ergeben hat; darüber kann man nur spekulieren.
Unsere Schüler konnten exemplarisch erleben, was es heißt, dialog-prozessorientiert und partizipativ zu arbeiten.

Und ein Vorurteil relativieren wir gerne. In der jetzigen FE 1 (Anfangsklasse) beträgt der Frauenanteil exakt 50 %. Da rede doch noch einer von „männlicher Dominanz“ im Erzieherlehrgang an der Bundeswehrfachschule Hamburg.  

 

Peer Tamm, Lehrgangsleiter an der Bundeswehrfachschule Hamburg