2. Netzwerktreffen 2014: 'Die Männer sind da - was nun?'

Zum zweiten Netzwerktreffen MEHR Männer in Kitas 2014 mit dem Thema „Die Männer sind da – was nun?“ kamen 30 Teilnehmende. Nach einem kurzen Überblick über die Entwicklung der aktuellen Ausbildungszahlen (2013 meldeten sich 1159 Personen für eine Erzieher-Ausbildung an (2009 waren es nur 613), davon ca. 25,3 % Männer. Im nächsten Jahr sollen 1073 Erzieher die Schulen verlassen (vor fünf Jahren waren es nur 461) davon 21,4 % Männer)) durften die Teilnehmenden aktiv werden.
In drei zufällig zusammengestellten Gruppen bereiteten sie sich für das folgende Rollenspiel vor, das dazu dienen sollte, einmal andere Perspektiven einzunehmen. Aus der Perspektive „Pro Männer in Kitas“, „Contra Männer in Kitas“ und als „Kita-Fachkräfte“ reagierten sie auf kleine Dialoge und Fragestellungen. Es zeigte sich, dass gerade ängstliche, teilweise irrationale Eltern nur schwer mit Argumenten zu überzeugen sind und auch Geschlechterklischees immer noch weit verbreitet sind. Es entstanden recht lebhafte Diskussionen, die trotz dieser Hürden das Gefühl hinterließen, dass Männer in Kitas genau richtig sind.

Im Anschluss daran stellte Katja Gwosdz vom PARITÄTISCHEN Hamburg die Ergebnisse einer kleinen Umfrage unter 150 teilnehmenden Hamburger Kitas vor. Die Präsentation dazu können Sie hier einsehen. Hier daher nur ein kurzes Fazit:

  • Teilnehmer: doppelt so viele Kitas mit Erzieher, Männerquote überdurchschnittlich
  • Quasi alle wollen männliche Erzieher haben bzw. 90% wollen weitere
  • (erwartete) Veränderungen: Erzieher ist Rollenvorbild für die Jungs Veränderte Teamkultur/Kommunikation im Team
  • Erzieher übernimmt alle päd. Aufgaben, aber auch explizit handwerkliche Aufgaben. Wickeln ja oder nein ist durchaus ein Thema
  • Männer im Team werden sehr positiv gesehen, es gibt aber auch vereinzelt Irritationen, Missverständnisse
  • Manche Männer wurden offenbar wegen ihrer Qualifikation „Mann“ eingestellt
  • Gut 17% verbinden mit Männern veränderte/neue Schutzmechanismen

Hier geht es zur Präsentation der Ergebnisse.

 

 

Passend zu diesem letzten Punkt des Umfragefazits beschäftigte sich der zweite Teil des Netzwerktreffens mit dem  Thema Schutzkonzepte.

Christina Okeke von Zündfunke e.V. erläuterte in ihrem Input, wie wichtig eine klare Haltung ist, um Schutzkonzepte mit Leben zu füllen. Fortbildungen, Handreichungen und Konzepte geben wichtiges Wissen, das durch eine Haltung unterfüttert werden muss. So ist ein Leitbild wichtig und damit die Frage, wie verhält sich eine Institution zu Aspekten wie Partizipation von Kindern und Eltern, Kinderrechten und Gleichberechtigung sowie im Rahmen einer Risikoanalyse der Frage, ob Männer ein erhöhtes Risiko darstellen. Daraus abgeleitet müssen Handlungsleitlinien entstehen. Klare und transparente Regeln sind wichtig, ein Beschwerdemanagement verbunden mit einer Lob- und Fehlerkultur schafft Vertrauen und gibt Sicherheit. Die Primärprävention bei Kindern, also sie zu stärken und zu ermuntern auch nein zu sagen oder Hilfe zu holen, ist ebenso ein wichtiger Aspekt wie ihre sexuelle Bildung.  All diese Bausteine und die Haltung dazu sind notwendig und sollten regelmäßig überprüft und gegebenenfalls aktualisiert werden.

Es folgte ein kurzer Input von Werner Pieper, PARITÄTISCHER Hamburg, zu konkreten Bausteinen, die zu einem Schutzkonzept gehören. Er stellte kurz die neue Broschüre „Kinderschutz in Einrichtungen“ vor und erläuterte einige wichtige Punkte daraus. Zentraler Bestandteil zur Erarbeitung eines Schutzkonzeptes ist eine genaue, einrichtungsindividuelle Risikoanalyse. So können  gemeinsame Standards entwickelt werden, die jedoch nicht zwangsläufig bedeuten, dass alle Risiken ausgeschlossen werden. Manche Einrichtung geht bewusst ein Risiko ein, wo es pädagogisch sinnvoll erscheint. Ein Verfahrensablauf  bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung und eine beispielhafte Verhaltensampel dienten ebenfalls der Illustration, dass jede Einrichtung solche Dokumente als Vorlagen nehmen sollte, um selbst eigene Wege zu entwickeln und zu erarbeiten. Sie sind wichtige und nötige Instrumente, die jedoch nicht einfach kopiert werden können, sondern an die jeweilige Einrichtung und deren Haltung angepasst werden müssen.

Im Anschluss daran erhielten die Teilnehmenden die Gelegenheit, zu den beiden Themen Verhaltensampel und Risikoanalyse in Arbeitsgruppen vertieft zu arbeiten.

Verhaltensampel
In dieser Gruppe ging es darum zu diskutieren, welches Verhalten im Rahmen der Arbeit in der Kita inakzeptabel (rot), genau richtig (grün) oder strittig  (gelb) ist. Es stellte sich heraus, dass vieles für alle eindeutig in den roten oder grünen Bereich gehört. Dennoch kam es selbst bei diesen oftmals zu Diskussionen, weil sich oft Ausnahmen von dieser Regel finden lassen. So galt „Kind bestrafen“ durchaus als richtig, aber nur wenn es einhergeht mit Grenzen aufzeigen und konsequent sein. Süßigkeiten grundsätzlich zu verbieten hielten die Teilnehmenden für strittig, auch wenn ein generelles Verbot die Möglichkeit vereitelt, durch derartiges Belohnen/Locken ein besonderes, missbrauchsgefährdetes Verhältnis zwischen einem Kind und einer Betreuungsperson herzustellen. Auch die Frage, ob Kinder in der Kita komplett nackt sein dürfen, war sehr umstritten. Die Frage, ob es korrekt ist, als Fachkraft die Kinder mit Kosenamen, z.B. Kleine/Süße, anzusprechen, wurde nach kurzer Diskussion mit nein beantwortet. Hier hat in der letzten Zeit ein Umdenken eingesetzt, der dienstälteren KollegInnen abverlangt, ihr bisheriges Verhalten zu überdenken, denn die Kleinen mit Kosenamen zu rufen war lange Zeit Gang und Gäbe.
In den Diskussionen zeigte sich, dass es gar nicht so einfach ist, das reine Verhalten zu kategorisieren. Entscheidend dafür ist die Haltung, die dahinter steht und sich in entsprechendem Handeln widerspiegelt. Die Diskussion über Verhaltensweisen ist ein Weg, sich der eigenen Haltung zu nähern.


Risikoanalyse – Gruppe 1

Die Gruppe sollte ohne inhaltliche Vorbereitung zum Thema Bestandteile zusammentragen, die in eine Risikoanalyse gehören. Zunächst herrschte Unsicherheit, welche Teile dies tatsächlich sein könnten, da der Begriff nach einem professionalisierten Vorgehen klingt, das nicht ohne Hilfe von Experten bearbeitet werden kann. Bei näherer Diskussion kristallisierte sich aber sehr schnell heraus, dass in der Gruppe bereits viel Expertenwissen vorhanden ist und schon zahlreiche Maßnahmen in die richtige Richtung getroffen worden sind.

So sind in einigen Trägern bereits Kinderschutzpersonen etabliert, die sich Fachwissen angeeignet haben und das Thema vorantreiben. Damit sind zugleich wichtige Möglichkeiten der Beteiligung oder eventuellen Beschwerden geschaffen. Der reibungslosen internen Kommunikation wurde ebenfalls viel Aufmerksamkeit gewidmet. Immer dort, wo sie versagt, kommt es beispielsweise dazu, dass Absprachen nicht bekannt sind und dementsprechend nicht eingehalten werden können, dass eine Verständigung auf gemeinsame Werte behindert wird oder eine offene Feedback-Kultur im Keim erstickt. Dazu gehört auch, dass die Zuständigkeiten unklar sind und sich im Ernstfall Handlungen stark verzögern oder gar nicht stattfinden können. Auch führt dies häufig zu Konflikten mit Eltern, die sich schlecht informiert fühlen.

Der Bereich Personalentwicklung wurde in der Gruppe ebenfalls als herausragend beurteilt. Dabei wurde auch herausgestellt, dass Stress und Überforderung schnell in Situationen des Machtmissbrauchs münden können und daher im Bereich des Kinderschutzes besondere Aufmerksamkeit erfahren sollten. Gleichzeitig soll das Thema in Teamsitzungen und Fortbildungen immer weiter bewegt werden, sodass sich ein breites Fachwissen auf allen Ebenen entwickeln kann. Grundsätzliche Einigkeit bestand darin, dass sich Schutzkonzepte gleichermaßen auf Frauen wie auf Männer beziehen müssen.


Risikoanalyse – Gruppe 2
In der Arbeitsgruppe wurden zunächst die grundsätzlichen Themen formuliert, die zu einer Risikoanalyse gehören. Daraufhin wurden die vertiefenden Themen angesprochen. Hier gab es recht unstrittige Themen wie Personalentwicklung, Zielgruppe, Beteiligung / Beschwerde, Werte, Zuständigkeiten / Fachwissen. Unter dem Stichwort Räume wurde auch das Thema „persönliche Räume“ (Privatsphäre) der Mitarbeitenden angesprochen. Nicht nur die Kinder brauchen Rückzugsräume, auch die Mitarbeitenden bräuchten sie. Hier ist allerdings die Frage, wie Schutz gewährleistet werden kann ohne in eine extreme Risiko- bzw. Kontrollzone zu geraten.

Sehr viel Raum nahm das Thema  „Personalentwicklung“  ein. Hier wurde festgestellt, dass das Oberthema die Kommunikation grundsätzlich sein sollte (Offenheit, Transparenz, Kommunikationskultur, „Reden statt Regeln“).

Strittig war das Thema Schweigepflichtsentbindung für ehemalige Arbeitgeber, die der PARITÄTISCHE seinen Mitgliedern empfiehlt. Dies wurde als sehr große Hürde angesehen. Konsensfähiger waren als Alternativen eine Art „eidesstattliche“ Erklärung bzw. eine Liste der Referenzen mitzuliefern wie es in der anglo-amerikanischer Kultur üblich sei.



Die gemeinsame Abschlussdiskussion zeigte, dass bei den einen Männer in Kitas so selbstverständlich angekommen sind, dass eine starke Fokussierung auf sie nicht nötig scheint, von anderen aber gerade eine starke Fokussierung im Rahmen unseres Netzwerkes gefordert wird. Das Kita-Feld ist lebendig und offen für Diskussionen rund um Männer in Kitas.