Rückblick auf das Netzwerktreffen Willkommen bei uns am 9.12.2015

Am 9. Dezember fand das letzte Netzwerktreffen statt. 25 Teilnehmende (neue und "alte Hasen") waren in die Wandsbeker Chaussee gekommen, um sich folgenden drei Themen zu widmen.

Berufsbegleitende Weiterbildung in der Kita aus Sicht der Kitas und der FachschülerInnen
Katja Gwosdz stellte zum einem einige Ergebnisse einer Umfrage unter Hamburger Kitas zum Theme Berufsbegleitende Weiterbildung vor. >>mehr  
Anschließend referierte über erste Ergebnisse einer WIFF Studie über Teilzeitausbildung zum Erzieher. >>mehr

Männlichkeitsentwürfe von Erziehern und ihre Bedeutung für die pädagogische Arbeit in der Kita
Mathias Gintzel beschäftigt sich im Rahmen seines Promotionsvorhabens mit Männlichkeitskonstruktionen  von Erziehern und dessen Bedeutung für die Arbeit in Kindertagesstätten. Geleitet vom methodischen Ansatz  einer argumentationstheoretischen Textanalyse hat Herr Gintzel in seine Untersuchung  die Ergebnisse von 13 Interviews mit Erziehern zwischen 26 und 47 Jahren einbezogen, die u.a. über das Netzwerk Mehr Männer in Kitas akquiriert wurden. Dabei ging Herr Gintzel von der Annahme aus, dass Geschlecht in Kitas eine relevante Kategorie ist, weil a) die Kita ein weiblich konnotierter Beruf ist, b) es fachliche Anforderungen an geschlechterbewusster Pädagogik in Kitas gibt und c) das Thema „Männer in Kitas“ in den Medien und der Öffentlichkeit präsent ist. All das führe dazu, dass die in Kitas arbeitenden Erzieher  dazu aufgefordert seien, sich zu ihrer Geschlechtlichkeit zu positionieren.

Herr Gintzel konnte anhand seiner Interviews drei Typen von Männlichkeitskonstruktionen erkennen:
1. Ein klassisches Verständnis bipolarer Zweigeschlechtlichkeit („Männer sind anders als Frauen“),
2. Ein ambivalentes  Verständnis von Geschlecht, dass grundlegend von einer bipolaren  Differenz der Geschlechter ausgeht, aber Relativierungen zulässt („Männer können auch weibliche Seiten in sich tragen, aber sie sind doch anders als Frauen“), und
3. Ein Verständnis von Geschlecht als gesellschaftliches Konstrukt, dass die Relevanz der Kategorie grundsätzlich ablehnt und nach Emanzipation sucht von dem Verhaltens- und Erwartungsdruck, dem beide Geschlechter in der Gesellschaft ausgesetzt sind („Es gibt größere  Unterschiede innerhalb der Geschlechter als zwischen ihnen“).

Da sich diese Selbstentwürfe von Männlichkeit auch auf das konkrete Verhalten der Erzieher und der Arbeitsteilung in Kitas auswirken, plädiert Herr Gintzel dafür, die Kategorie Geschlecht in Kitas stärker reflexiv zu hinterfragen und einen professionellen Umgang damit zu etablieren. Denn wenn der Umgang mit diesem Thema rein individuell  und teilweise unbewusst geschehe, hätte dies auch direkte und starke Auswirkungen darauf, welche Identitätsentwürfe und Erfahrungsmöglichkeiten Kindern in der Kita geboten werden und welche ihnen möglicherweise vorenthalten werden. Herr Gintzel empfiehlt daher auch, das Thema Geschlecht stärker als bisher als Querschnittthema in der Ausbildung zum Erzieher / zur Erzieherin zu  etablieren.

Kinder aus Flüchtlingsfamilien in der Kita
Frau Christine Raabe, Kita-Leiterin, Auditorin für Qualität in Kitas und Fachberaterin für viele Kitas in der ev. Luthergemeinde, stellt ein Konzept zur Integration von Kindern und Familien mit Fluchthintergrund in der Kita dar. Ausgehend von der Errichtung einer Wohnunterkunft in der direkten Nachbarschaft der Kita berichtet sie von der Entwicklung erster Ideen bis hin zu einem mittlerweile gut erprobten Konzept. Mit ihrer Hilfe und Begleitung und durch zusätzliche finanzielle und räumliche  Unterstützung einer Kirchengemeinde hat die Kita eine separate Übergangsgruppe für derzeit 10 Kinder aus Flüchtlingsfamilien aufgebaut, in der die Kinder langsam an das System Kita, die Sprache und die neuen sozialen Beziehungen heran geführt werden. Das Ziel ist die Integration der Kinder in den Regelbetrieb der Kita. Dafür haben die Kinder je nach ihren Möglichkeiten, Wünschen und Voraussetzungen unterschiedlich lange Zeit. Die Übergangsgruppe leistet dabei  die Funktion einer „erweiterten Eingewöhnung“. – „Erweitert“ deshalb, weil die Bedarfe und Lebenssituationen der Kinder und ihrer Familien durch Entwurzelung, oftmals Traumatisierung, Sprachlosigkeit und großer Unsicherheit geprägt seien. Diese Bedarfe erfordern nach Frau Raabe einen erhöhten und intensiveren Betreuungs- und Kommunikationsaufwand – sowohl im Umgang mit den Kindern als auch im Umgang mit den Eltern.

In der anschließenden Diskussion wurden mehrere Spannungsfelder deutlich. Einerseits wurde die Einschätzung geteilt, dass diese Kinder und Familien „mehr und anderes “ brauchen  als andere Kinder, und damit auch die Kitas ein „mehr“ an Ressourcen und gezielte Fortbildungen brauchen. Andererseits wurde darauf verwiesen, dass es vor allem in den vielen Hamburger Kitas mit interkulturellem und sozial gemischtem Kontexten bereits ganz viel Erfahrung im Umgang mit Kindern aus anderen Kulturen und aus belasteten Lebenssituationen  gibt. Das Thema solle nicht „dramatisiert“ werden. Auch das Thema Traumatisierung von Kindern sei im Prinzip nicht neu. Dennoch stelle die Häufigkeit der von Traumatisierung betroffenen Flüchtlingskindern mit schätzungsweise 42% eine besondere Herausforderung für die Fachkräfte in den Kitas dar.

Als guter Weg wurde die niedrigschwellige und umfangreichere Arbeit von Eltern-Kind-Zentren heraus gestellt. Die durch Frau Neuwirth vertretene BASFI erklärte, dass es sowohl einen Ausbau um 10 zusätzliche EKIZe geben soll, als auch ein zusätzlich finanzierter, mobiler Einsatz von Fachkräften aus EKIZen in Wohnunterkünften und anderen Kitas. Auf die derzeitige Schwierigkeit vieler Träger, die gerne zusätzliche Plätze für Flüchtlingskinder einplanen würden, aber keine verlässliche Planungsgrundlage dafür haben, kündigte die BASFi die Einladung zu regionalen Runden Tischen an, bei der Bedarfe und Kapazitäten aufeinander abgestimmt werden sollen. Die BASFi bemühe sich derzeit um den Aufbau eines verlässlichen Informationssystems zur Erfassung familienbezogener Daten in den ZEAs und Folgeunterkünften. Als besonderes Problem wurde von Seiten der vorgestellten Projekt-Kita benannt, passende Qualifizierungen bzw. Fortbildungen zu finden, die die Praxis in  Kindertagesstätten mit im Blick haben.

Abschließend sei ein besonders schöner ressourcenorientierter Blick auf die Kinder erwähnt: In der von Frau Raabe vorgestellten Projekt-Kita sei fest gestellt worden, dass die Kinder der geflüchteten Familien auf eine andere Art spielen würden – sie seien auf ganz natürliche Weise und sehr intensiv immer wieder mit kreativen Rollenspielen beschäftigt. Eine Fähigkeit, die bei manchen der mit Medien und viel Spielzeug aufgewachsenen Kindern aus Hamburg leider etwas verloren gingen. Insofern stellte Frau Raabe abschließend fest: Wir können viel von diesen Kindern lernen!